Andernach: Vom Urban Gardening zur Essbaren Stadt

Essbare Stadt: Urban Gardening
auf den Grünflächen Andernachs

Das Städtchen Andernach bei Koblenz lässt auf seinen Grünanlagen Obst und Gemüse für alle wachsen. In hübsch angelegten Beeten sprießen hier etwa Kohl und Hopfen.
Auch andere Kommunen folgen dem Trend zur Essbaren Stadt: Pflücken erlaubt statt Betreten verboten!

Foto: Imago Images/Thomas Frey

Essbare Stadt Andernach Essbare Stadt Andernach

Urban Gardening: Pflücken erlaubt!

Es begann mit Tomaten an der historischen Stadtmauer: Die Vereinten Nationen hatten 2010 zum Jahr der Biodiversität erklärt, und Andernach am Rhein wollte dabei sein.

Also ließ der Landschafts- und Stadtplaner Lutz Kosack Gemüse pflanzen, wo bisher nur öffentliches Grün zum Angucken wuchs.
Gleich 101 verschiedene Tomatensorten bereicherten schlagartig die Artenvielfalt in der Stadt und machten den 30.000 Einwohnern das abstrakte Thema anschaulich.

Umso mehr, als die reifen Früchte des neuen Stadtgemüses schließlich für alle zum Ernten freigegeben wurden. Diese grüne Revolution kam gut an bei den Bürgern.

Andernach: Gemüse statt Blumenbeete Andernach: Gemüse statt Blumenbeete

Die Essbare Stadt als Vitaminbombe

Auf die Tomaten folgten im nächsten Jahr Bohnen, dann Zwiebeln, Wein und anderes. Auch dehnten sich die urbanen Gärten Jahr für Jahr weiter über die Stadt aus.

Heute machen Quitten, Mispeln, Kirschen und Feigen Andernach zur bekanntesten „Essbaren Stadt“. Am Bahnhof wollen Birnen gepflückt werden. Die Fußgängerzone duftet nach Thymian, Salbei, Rosmarin in mobilen Hochbeeten. Bunter Mangold, Grünkohl, Kartoffeln, Kresse und Zucchini sind so hübsch, dass niemand Krokusse oder Stiefmütterchen vermisst.

Derzeit entsteht ein historischer Gemüsegarten mit römischen und mittelalterlichen Sorten. Dank des warmen Mikroklimas wachsen in Andernach sogar Orangen, Kiwis, Granatäpfel und Bananen.

Andernach: Urban Gardening auf öffentlichen Grünflächen Andernach: Urban Gardening auf öffentlichen Grünflächen

Andernachs Bürger machen mit

Geplant und finanziert wird die Initiative Essbare Stadt in Andernach von der Stadtverwaltung.

Die Bepflanzung und Pflege übernehmen städtische Gärtner, unterstützt von einem gemeinnützigen Unternehmen der Stadt. Es qualifiziert zugleich Langzeitarbeitslose in Gärtnerei und Landschaftsbau.

Um Gewerbetreibende zum Gießen der Hochbeete in der Innenstadt zu bewegen, bekommt der Apotheker ein Beet mit Heilkräutern, der Optiker eines mit Möhren, die Reinigung Blumen mit strahlend weißen Blüten – und so weiter.

In Andernach stehen Hochbeete mit Gemüse in der Stadt In Andernach stehen Hochbeete mit Gemüse in der Stadt

Urbanes Gärtnern von unten

Andernach ist nicht allein mit seiner grünen Revolution.

Kassel will den Begriff der Essbaren Stadt schon 2007 erfunden haben, dort wurde ein gleichnamiger Verein gegründet. 2008 begann die Aktivistin Pam Warhurst im englischen Todmorden/Yorkshire mit ihrem „Propaganda Gardening“: Mit freiwilligen Helfern verwandelte sie Verkehrsinseln, Vorgärten und sogar Gräber eines alten Friedhofs in öffentliche Gemüsegärten – für sie ein politischer Akt.

Doch in beiden Fällen waren Bürger und Aktivisten die treibende Kraft. Erst Andernach machte das Urban Gardening zur Sache der Stadt.

Am Schloss in Andernach wächst Hopfen Am Schloss in Andernach wächst Hopfen

Weitere essbare Städte in Deutschland

In Deutschland haben sich inzwischen schon über 100 Kommunen zur Essbaren Stadt ausgerufen.

In Berlin gibt es ähnliche Initiativen in mehreren Stadtbezirken. Sogar der Görlitzer Park, seit Jahren Brennpunkt der Drogenszene in Berlin-Kreuzberg, hat heute eine eigene Streuobstwiese. Es ist eine von immerhin 87 im Stadtgebiet.

Doch während in Kassel sehr viel passiert, bleiben Websites von anderen vermeintlich Essbaren Städten seit Jahren ungepflegt.

Wie es um die Beete steht, mag man nur mutmaßen. „Eine Essbare Stadt kostet Geld und viel Arbeit. Das ist kein Selbstläufer“, sagt Lutz Kosack aus Andernach.

Andernach begrünt öffentlichen Raum mit Obst und Gemüse Andernach begrünt öffentlichen Raum mit Obst und Gemüse

Andernach macht Schule

Die Biodiversität in Andernach hat jedenfalls zugenommen.

Und die Bürger haben schon längst angebissen: Vertreter aller Milieus trifft man vereint am Beet. Es ist schick geworden, sich fürs Abendessen noch schnell etwas Stadtgemüse zu pflücken. Und mittlerweile kommen auch immer mehr Touristen, um sich hier die Essbare Stadt anzusehen – und sie zu kosten. Aus anfangs zehn Führungen pro Jahr sind über 170 geworden.

Ein Stadtplan mit allen Pflückstellen wird gerade überarbeitet. Zur deutschen und englischen Version kommt bald eine französische hinzu.

Mehr Infos auf den Internetseiten der Stadt Andernach: andernach.de

Öffentliches Grün: Was schmeckt
und wo Du es findest

Unbekannte Artenvielfalt: In Parks, auf Wiesen und im Wald gibt es nicht nur Himbeeren und Pilze. Dort wachsen auch essbare Pflanzen, die wir kaum (noch) kennen.

- Schwarzer oder roter Holunder blüht häufig am Wegesrand. Aus den Beeren kannst Du Saft machen, aus den Blüten Tee oder Sekt. Besonders lecker: in Pfannkuchenteig getauchte und in Fett ausgebackene Holunderblütendolden. Schwarzen Holunder immer warm verarbeiten: Er enthält ein unverträgliches Glykosid, das durch Wärme zerstört wird.

- Glockenblumen haben essbare Blüten, die jedes Gericht verschönern. Ihre jungen Sprossen kannst Du als Beigabe zu Spargelgemüse kochen und die Wurzeln im Herbst als Kochgemüse oder roh im Salat verwenden.

- Ringelblumen in kleinen Sträußchen lassen sich hervorragend frittieren, ebenso Kapuzinerkresse, Raps, Weißklee oder Funkien.

- Magnolienblüten haben einen leicht ingwerartigen Geschmack, Du kannst sie verzuckert zu Nachspeisen reichen.

- Vogelbeeren werden nach dem ersten Frost direkt verkocht, um Marmelade, Saft oder Kompott herzustellen.

- Weißdorn hat mehlige rote Früchte, die nicht nur essbar, sondern wie auch Blätter und Blüten als hervorragendes Herzstärkungsmittel bekannt sind.

- Sauerdorn (Berberitze) hat angenehm säuerlich schmeckende Beeren, die Du als Gewürz verwenden kannst.

Grundsätzlich: Nur pflücken und essen, was Du sicher erkennst! Ein Bestimmungsbuch oder eine App lohnt sich nicht nur für Städter.

Obst und Gemüse für jedermann in Deutschland und Europa listet die Online-Initiative www.mundraub.org auf ihrer Website auf. Dort kannst Du auch selbst Fundstellen eintragen, die entweder öffentlich oder vom Besitzer freigegeben sind.