Schafe grasen auf dem Gründach

Dachbegrünung: Wenn Schafe hoch oben
den Rasenmäher ersetzen

Mitten in Berlin gibt es eine kleine Schafweide – an einem Ort, wo man sie am wenigsten erwartet: auf den Dächern des Shoppingcenters Schönhauser Allee Arcaden. Hier kürzen die fleißigen Nutztiere das Grün und können sogar zwischen Unkraut und Zierpflanzen unterscheiden.

Schafe als Rasenmäher auf dem Gründach Schafe als Rasenmäher auf dem Gründach

Schafe auf luftiger Weide

Zahnarzt Dr. Stefan Greiffenhagen steht am Behandlungsstuhl seiner Dentalchirurgie-Praxis. Vor ihm hat es sich ein Patient mehr oder weniger bequem gemacht.

Der Einsatz eines Implantats steht an, die betroffene Kieferpartie wurde bereits per Injektion narkotisiert, gleich kann es losgehen. Doch dann hebt der Patient die Hand und sagt: „Herr Doktor, ich sehe schon Schafe.“ Dr. Greiffenhagen entgegnet schelmisch: „Das kann gar nicht sein, das müssen Sie sich einbilden.“ Kurzes Schweigen. Daraufhin der Patient: „Okay – dann will ich diese Spritze ab sofort jeden Tag!“

Nicht nötig – ein Besuch im 4. Obergeschoss des Einkaufszentrums Schönhauser Allee Arcaden in Berlin kann die gleiche bewusstseinserweiternde Wirkung mit sich bringen. Denn wer bisher glaubte, Schafe hätten nur auf Wiesen in der freien Natur etwas zu suchen, sieht sich auf dem Flachdach des Shoppingcenters schnell eines Besseren belehrt.

Christoph von Canstein auf dem begrünten Dach Christoph von Canstein auf dem begrünten Dach

Pflege des begrünten Dachs

Eine Fläche von rund 700 Quadratmetern wurde beim Bau des Gebäudes begrünt, ursprünglich mit dem Hintergedanken, durch die Dachbegrünung Abwassergebühren zu sparen.

Denn während Regenwasser von glatten Betonflächen direkt in die Kanalisation fließt und damit Kosten verursacht, kann eine Fläche aus Gras und Grün einen Teil des Wassers aufnehmen, speichern und wiederverwenden. Einziger Nachteil: Wo Gras wächst, muss auch gemäht werden – jeder Rasen braucht Pflege.

Lange Zeit war Christoph von Canstein als Experte für biologischen Pflanzenschutz dafür verantwortlich und kam regelmäßig mit einem Kollegen aufs Dach, um eigenhändig das Unkraut zu zupfen. Bald war jedoch klar: Das macht auf Dauer zu viel Arbeit und benötigt zu viel Zeit.
Eine andere Lösung musste her – und so kam der Diplom-Ingenieur auf die Idee, den Job statt von Rasenmähern von Schafen ausführen zu lassen.

Schäferin Isabelle Freitag im Portrait Schäferin Isabelle Freitag im Portrait

Unkraut ja, Zierpflanzen nein

„Wir sind bei der Grünpflege seit vielen Jahren Partner der Schönhauser Allee Arcaden und kümmern uns neben den Pflanzen und Bäumen in den verschiedenen Gängen und Ebenen auch um das begrünte Dach“, erklärt Pflanzenschutz-Profi von Canstein seine Aufgabe.

„Als wir die Idee hatten, den Grasbewuchs von Schafen kürzen zu lassen, machte sich natürlich erst einmal Skepsis breit. Doch heute sind alle Beteiligten überzeugt: Super Sache, hat funktioniert.“

Alle sechs Wochen werden die drei Schafe auf die kleine Weide über den Schönhauser Dächern geführt, um dort für zehn Tage zu grasen. Die Shropshire-Schafe sind dabei genau das, was vor Ort gebraucht wird. Denn die tierischen Mäh-Experten „besitzen ein selektives Fressverhalten und fressen ausschließlich das Unkraut, während sie notwendige Zierpflanzen stehen lassen“, erläutert Schäferin Isabelle Freitag.

Schäferin Isabelle Freitag sieht nach den Schafen Schäferin Isabelle Freitag sieht nach den Schafen

Schäferin sieht nach dem Rechten

Freitag war über den Schafzuchtverband von Christoph von Canstein angesprochen worden und kümmert sich als Schäferin mit ihrem Vater Karl-Heinz nun seit 2015 um die Tiere. Die beiden Wandlitzer versorgen die Schafe jeden Tag mit Wasser und Ergänzungsnahrung und schauen nach dem Rechten.

Insgesamt besitzt Familie Freitag über 80 Schafe, die hauptsächlich als Nutztiere eingesetzt werden.
Der Verkauf der Wolle oder gar des Fleisches rechnet sich aber wirtschaftlich schon lange nicht mehr – die Konkurrenz ist einfach zu groß und drückt den Preis.
So bleibt den meisten Tieren der Herde ein langes Leben in natürlichem Habitat beschieden.

Schafe auf dem Dach: Drei Schafe schauen auf Schafe auf dem Dach: Drei Schafe schauen auf

Tierisch verlässliche Mäher

„Den Schafen geht es hier oben wunderbar“, ist auch Christoph von Canstein überzeugt. „Wir hatten im Vorfeld mit einem Tierarzt die artgerechte Gestaltung der Umgebung der Grünfläche des Shoppingcenters besprochen, und vor jedem neuen Mäh-Einsatz werden die Schafe von dem Veterinär nochmals untersucht.“

Sind die Schafe nicht über den einkaufenden Berlinern im Einsatz, grasen sie übrigens zwischen den Zellen einer Photovoltaik-Anlage in Ahrensfelde – auch dort als tierisch verlässliche Rasenmäher.

Schäfer auf Gründach mit Schafen Schäfer auf Gründach mit Schafen

Fleißig und beruhigend

Wer als Privatmann mit dem Gedanken spielt, für seine kleine oder mittelgroße Grünfläche ein paar blökende Rasenmäher anzuschaffen, dem rät Isabelle Freitag, solch ein Vorhaben nicht zu unterschätzen.
„Es ist nicht damit getan, einfach nur ein Schaf in den Garten zu stellen“, weiß die junge Schäferin und gibt ein paar Tipps, worauf Hobby-Schäfer achten sollten (siehe Infokasten unten).

Und was hat es nun mit Zahnarzt Dr. Stefan Greiffenhagen auf sich? Die vollverglaste Fassade seiner Chirurgiepraxis in den Schönhauser Allee Arcaden blickt genau auf das begrünte Dach des Shoppingcenters.
Kaum war 2015 der erste Arcaden-Almauftrieb im Gange, drehte der Arzt kurzerhand seinen Behandlungsstuhl in Richtung der grasenden Tiere.
Das beruhigt bis heute manche seiner Patienten mehr als die Narkose. Schafe sind eben echte Glücksbringer.

Ein Schaf als natürlicher Rasenmäher?
5 Tipps von Schäferin Isabelle Freitag

Augen auf bei der Rasse: Von der Beschaffenheit des Grüns hängt ab, welche Schafrasse am besten geeignet ist. Schwarzkopf- und Shropshire-Schafe sind ursprünglich als Tiere für die Fleischproduktion gezüchtet worden, benötigen daher viel und kräftiges Futter. Landschaftsrassen wie die Heidschnucke sind wiederum ideal für kargere Gebiete.

Hürden der Bürokratie: Auch bei privater Nutzung schlägt die Bürokratie zu. Die Tiere müssen angemeldet und mit Ohrmarken versehen werden, bevor anschließend ein Tierarzt kostenpflichtig die Lebensumgebung prüft und die Tiere untersucht.

Dach überm Schafskopf: Im Sommer genügt den Tieren ein einfacher Unterstand, im Winter jedoch benötigen sie einen windgeschützten Stall.